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"Jeder Mensch hat seine guten Seiten, man muss nur die schlechten umblättern."
E. Jünger

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Über Zwundine

Mein erster Blickwechsel mit Zwundine fand an einem regnerischen Herbsttag statt. Trübselig hing sie an einem übergroßen Haken im finsteren Vorraum des alten Herrenhauses, das wir soeben erworben hatten, um es zu unserem Lebensmittelpunkt herauszuputzen. Von Herausputzen war freilich noch lange keine Rede, zunächst galt es, das regendurchlässige Dach abzudichten und die nötigsten Wasserzu- und Ablaufleitungen zu erneuern.

Elke würdigte Zwundine keines Blickes, auch ich wäre wohl achtlos an ihr vorbei-, das heißt unter ihr durchgegangen, wäre nicht plötzlich ein Lichtreflex an ihrem linken Auge aufgeblitzt, der mir wie eine winzige Träne erschien.

Von diesem Augenblick an war ich Zwundine verfallen - noch wusste ich zwar nicht, wie sie heißen würde, nichts wusste ich noch von ihr. Sie hing da an ihrem Haken, die Arme weit ausgestreckt. In den Händen hielt sie je einen Leuchter mit vier elektrischen Funzeln, von denen zwei bereits ausgebrannt waren. Ihre netten, kleinen Brüstchen waren staub bedeckt, von ihrem kleinen Gesicht war in dem jämmerlichen Licht kaum etwas zu sehen. Am Rücken trug sie zwei goldene Zierflügel, eine offensichtlich funktionslose evolutionäre Absonderheit, ähnlich der der längst verschwundenen Dodos auf Mauritius oder auch der ebenso fluguntauglichen Kiwis auf Neuseeland.

Das eigentlich Überraschende an ihr aber waren ihre zwei Nixenflossen, jawohl, zwei, die jede für sich zunächst einen Zirkel schlugen und dann nach oben gerichtet waren, wohl um das Gleichgewicht am Haken zu halten.

Ich war hingerissen. „Sollten wir jemals eine Bibliothek haben, kommt sie dorthin" rief ich Elke zu. „Von wem sprichst Du?" fragte sie zurück und als ich auf Zwundine zeigte „Du bist verrückt, nur über meine Leiche".

Nun war das zwar eine schwere, aber keine neue Drohung - mittlerweile geht Elke ja auch weniger leichtzüngig mit ihr um. Ich setzte mich also darüber hinweg, holte aus dem Wirtschaftsraum eine Leiter und einen Staubwedel und machte mich über Zwundine her. Kaum wischte ich mit dem Wedel zart über ihr Gesicht, war nicht nur aller Staub, sondern auch die Träne daraus verschwunden und ich glaubte, an ihrem Mund ein kleines Lächeln erkennen zu können. Fast neckisch drehte sie sich zur Seite, als ich mich mit dem Staubwedel ihrem doppelflossigen Unterleib näherte, wiewohl ihr der Reinigungsvorgang auch dort sichtlich willkommen war.

Um die herausgeputzte Zwundine auch für Elke ins rechte Licht zu rücken, holte ich schließlich acht 40-Watt-Kerzenlampen aus unserem Vorrat, was die Doppelflossige erwartungsgemäß hell erstrahlen ließ.
„Dafür also hast Du Zeit" meinte Elke angesichts der wunderbaren Verwandlung Zwundines, „na meinetwegen", setzte sie versöhnlich hinzu, denn sie kannte schließlich hinlänglich meinen Dickschädel.

Noch in dieser Nacht kam es zu einem ersten Besuch der Doppelflossigen. Todmüde war ich eingeschlafen, als sich sachte die Türe zu unserem Schlafzimmer öffnete und ein seltsam watschelndes Geräusch zu hören war. Etwas unwirklich Leichtes setzte sich an den Bettrand, erschrocken zog ich meine Hand zurück, als ich dort Kühles, Schuppiges, ertastete.
„He, hab' Dich nicht so, ich bin's, die Zwieschwänzige aus dem Vorraum" flüsterte es herüber, „ich hab' Dir was zu sagen..."
„Sag' mir erst einmal, wie Du heißt, dann können wir über alles Weitere reden" hörte ich mich zurückflüstern.

„Na na, nicht gleich persönlich werden, aber meinetwegen. Schließlich weiß' ich längst, wer Du bist! Also Zwundine heiß' ich, und das nun schon die längste Zeit"
„Und seit wann hängst Du da im Haus herum?"
„So an die zweihundert Jahre, wenn ich mich nicht verrechne. Ein alter Habsburger hat mich damals hergebracht. Er hatte hier eine seiner Freundinnen stationiert. Maitresse hieß das damals in feinen Kreisen, er wollte sie offenbar mit meiner Hilfe besser ausleuchten"
„Und immer da unten im Vorraum?"
„Nicht nur da. Mal da, mal dort. Aber immer hier im Haus"
„Sieht man Dir gar nicht an, trotz all' dem Staub!"
„Das nächste mal kitzel mich gefälligst weniger mit Deinem blöden Wedel, ich bin da ziemlich empfindlich!"
„Ok, ok, hab' ich bemerkt, aber was wolltest Du mir sagen?
„Also ich hab' Dir einen Vorschlag zu machen" Zwundine flüsterte jetzt eindringlicher, „wenn Du mich tatsächlich in die Bibliothek hängst, das, das," sie stockte ein wenig, „das würde mir schon sehr gefallen!"

„Was würde Dir daran so gefallen?"
„Na ja, dort im Vorraum ist es zappenduster und total langweilig. In der Bibliothek könnte ich zum Fenster hinaus schauen oder in den schönen Salon nebenan und irgendwie immer mit dabei sein, wenn Ihr dort Musik macht oder ein Kaminfeuer. Und wenn Ihr es gerade braucht, leuchte ich Euch ordentlich was. Vor allem aber..."
„Vor allem was?"
„Na die vielen Bücher!! Da wäre mir nie mehr langweilig. Unterhaltung und Fortbildung würdet Ihr dazu sagen"
„Und - was bekomme ich dafür?"
„Mehr vom guten Leben."
„Klingt mir nach Schlagwort. Was soll ich mir darunter vorstellen?"
„Das fragst Du? Schau Euch einmal zu. Wie Ihr da so herum fuhrwerkt, in dem Haus, Ihr seid ja richtig arme Schlucker. Das Dach ist hin, die Fenster sind verrottet, alle Leitungen sind im Eimer, und und... wie wollt Ihr das jemals hinkriegen?"
„Keine Ahnung. Gott wird weiterhelfen"
„Pah, Gott, der hat's mit der Ewigkeit! Soviel Zeit habt Ihr nicht. Eure Tochter ist unterwegs!"
„Weiß ich selber am Besten" ein wenig wurde ich ärgerlich, „was heißt hier übrigens Tochter?"
„Na ja, unsereins weiß diese Dinge halt schon früher, das heißt, meinereins" sie strich mit den Händen ihren flossigen Unterleib entlang, „meinereins betrifft das ja nicht so wirklich. Aber, keine Sorge, in ein paar Jahren werden Eure klugen Doktoren ja auch so weit sein, Bub oder Mädel schon zu wissen, noch bevor Ihr aus dem Bett steigt".

„Zurück zum Thema", ich hatte ja auch bereits eine Kiste Champagner auf eine Tochter gewettet, „was kannst Du schon für uns tun?"
„Alles" sie wurde geheimnisvoll, „Ich verhelfe Euch zunächst einmal zu der Kohle, die ihr braucht, um hier weiterzukommen."
„Nicht schlecht. Wie soll das gehen?"
„Sag' ich Dir gleich. Erst aber versprich mir, dass Du mich in die Bibliothek hängst"
„Meinetwegen. Und Du versprich mir, dass da kein Pferdefuß dabei ist, bei Deinem guten Leben. Unfrieden, Zank, Scheidung, alle möglichen Zipperlein und was die Leute so alles aufführen, kaum dass es ihnen richtig gut geht."
„Abgemacht!"
„Und wie geht das weiter?"
„Pass' auf. Ich komm' jetzt jede Nacht zu Dir. Na ja, vielleicht nicht jede, aber immer, wenn mir danach ist. Jedes Mal erzähle ich Dir eine andere Geschichte aus dem guten Leben. Vergiss nicht, seit zweihundert Jahren sehe ich den Leuten hier zu, wie sie reich werden und wieder arm, wie sie arm werden und doch auch wieder reich. Wie sie reich werden an Geld oder reich an guten Ideen, reich an Kunstwerken oder reich an Kunstfertigkeit.

Vor allem aber reich an Liebe oder reich an Glück oder, am Besten, an Beidem zusammen. Schließlich gibt es viele Arten, reich zu sein. Über alles das werde ich Dir erzählen. Ich werde Dir erzählen, wie die Einen ein jämmerliches Leben führen, weil sie alles falsch anpacken und andere ein reiches Leben genießen, weil sie erkannt haben, worauf es ankommt und auch danach leben. Du stellst keine Fragen, sondern hörst mir gut zu. Was Du damit anfängst, ist Deine Sache. Wenn Du Dich daran hältst, was ich Dir zu sagen habe, wirst Du mir ein Leben lang dankbar sein, versprochen."
„Das klingt ja fast wie Tausendundeinenacht"
„Willst Du Märchen oder Tatsachen? Wart es ab, Du wirst mit mir zufrieden sein".
„Und Du bleibst solange in der Bibliothek hängen, versprochen".
„Ok, dann bis morgen. Und weck' Deine Elke nicht auf, die braucht Ihren Schlaf".
Eine leise Bewegung an der Bettkante, ein leises Watscheln zur Tür hinaus, das war der erste Besuch von Zwundine.

Beide hielten wir Wort, Zwundine auf ihre Weise und ich auf die meine. Gleich am nächsten Tag erhielt ich eine Steuer-Gutschrift vom Finanzamt. Aber das war nur der Anfang. Nach und nach wurden wir reich an gutem Leben. Reich an den Dingen, die man so zum Fortkommen braucht, vor allem aber auch reich an Liebe, reich an Glück, reich an Lebensfreude.

Für's Erste halt, denn das Leben geht ja noch weiter...

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