Bonvivante

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"Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass man nichts tut."
Antoine de Saint-Exupéry

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Die Welt mit neuen Augen sehen

Gestern war es also so weit. Jahrelang hatte ich mich davor gedrückt, wenn nicht Jahrzehnte lang. Es war aber auch allzu einfach. Schließlich hatte ich keine ernsthaften Probleme, die Welt rundum war so weit ganz in Ordnung, zumindest im Sonnenschein. Na gut, Autofahren in der Dämmerung war nicht so ganz meine Sache geworden, schon gar nicht bei Nacht auf nassen Straßen, aber das ließ sich schließlich weitgehend vermeiden.

„Soll nicht lieber ich fahren?" fragten meine MitfahrerInnen immer häufiger, offenbar nicht so ganz überzeugt von meiner abendlichen Fahrtüchtigkeit. „Aber wieso denn" war regelmäßig meine Antwort und dabei blieb es dann zumeist.

An die 20 Jahre müssen es her sein, dass zum ersten Mal ein Augenarzt beginnenden Grauen Star bei mir festgestellt hatte. Dabei war ich doch nur wegen einer neuen Brille zu ihm gekommen. „Das wird man operieren müssen, soll ich Sie vormerken?" „Papperlapapp" war meine Reaktion, „da will Einer Geld verdienen an mir, kommt ja gar nicht in Frage". Wie gesagt, meine Welt war ja schließlich in Ordnung.

Also tat ich das, was man immer tut, wenn man mit einem Arzt nicht zufrieden ist. Man geht zu einem Anderen. Diesmal war es sogar ein Professor der Augenheilkunde. „Sehen Sie was?" war seine interessierte Frage, „na bitte, dann haben Sie keinen Grauen Star" sein abschließender Kommentar auf meine überzeugte Bejahung.

Und so gingen die Jahre dahin, da und dort wurden die Farben um mich herum allmählich diffuser, Entfernteres verlor sich zunehmend in Unschärfe, aber schließlich, kein Wunder, man wird ja älter und die Augen allmählich schwächer!

Etliche Jahre später war ich wieder beim Augenarzt um eine neue Brille, diesmal war es eine Augenärztin. „Eigentlich dürfte ich Sie nicht mehr nach Hause fahren lassen" war ihr Kommentar, hier haben Sie die Adressen von zwei erfahrenen Operateuren". Also wieder die falsche Ärztin, hin zur Nächsten. „Ich darf Sie gerade noch fahren lassen" lautete ihre Expertise, aber spätestens im Herbst sollten sie wieder bei mir sein, falls sie Ihren Führerschein behalten wollen".

Die Augen sollte ich mir ausstechen lassen und eine Plastik-Linse einsetzen? Gemach!
Gerne ließ ich den Herbst verstreichen und auch noch gleich den nächsten Herbst samt dem ganzen Jahr dazwischen, doch der anschließende Winter gab selbst mir zu denken. Nicht nur einmal verpasste ich haarscharf einen Passanten, wenn ich in der Dunkelheit um eine Hausecke bog, nicht nur einmal konnte ich unmittelbar vor einem Fahrbahnteiler das Auto gerade noch auf den richtigen Kurs bringen. Abendliche Mitfahrer hatte ich längst keine mehr, dabei bin ich doch ein geselliger Mensch!

Und so siegte letztendlich das wenige an Vernunft, was ich in diesem Zusammenhang noch zur Verfügung hatte. Die Anästhesie war perfekt, die Operation ein Klacks. Aber der nächste Morgen! Kaum war die Schutzklappe über dem zunächst operierten rechten Auge herunter, tat sich ringsum eine neue Welt auf! Starkes, klares Licht, strahlende Farben, wie ich beides seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten nicht mehr gekannt hatte.

Selbst das eigene Auto, dessen Farbe ich immer für ein dumpfes schmutziggrau gehalten hatte, stand in leuchtendem mittelblau vor dem Spital! Aus Borniertheit und Feigheit hatte ich die vielleicht wichtigsten Jahre meines Daseins, einen großen Teil meiner Bonvivante-Phase also, hinter einem Dunstschleier verbracht, der mir Tag für Tag die wahre Strahlkraft des Lebens ringsum vorenthielt!

So lautet meine Empfehlung an die Welt: Keine Stunde das Lebens an den Grauen Star verschenken, sondern kopfüber durch alle Aversion und Panik hindurch zu mehr vom guten Leben!!

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Kommentare

People have their own

People have their own attitude. That's what makes us so different. - Bath Planet

Also das ist wirklich ein

Also das ist wirklich ein schöner Text!!!
Bu
Pa

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