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Zwei Dinge bedeuten mir Leben: die Freiheit und das Objekt meiner Liebe.
Voltair

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Die Köstlichkeit all' ihrer Wegstücke in allen ihren Tagen

Seit ich die Strudlhofstiege zum ersten Mal gelesen habe (und danach die " Dämonen" und dann den „Roman No. 7 - Die Wasserfälle von Slunj") sehe und spüre - „apperzipiere" - ich Wien, als würde ich die Stadt seither durch die Folie einer Doderer'schen Sinneswahrnehmungs-Veränderungsapparatur erfahren.

Keineswegs nur die durch den Roman berühmt gewordenen Treppen selbst - „mit Prunk herabkaskadierend... und sie sind immer da, und sie ermüden nie, uns zu sagen, daß jeder Weg seine eigene Würde hat und auf jeden Fall immer mehr ist als das Ziel" - sowie das Grätzel im 9. Bezirk, wo sie beheimatet sind, „...wo sich um's Gewäsch und Geträtsche des Brunnens die sommer-liche Einsamkeit dick sammelt, oder bis ganz unten zur Vase und zur Maske, die in eine warme stille Gasse schaut und ebenso unbegreiflich ist wie ein Lebendiges, sei sie gleich aus Stein"... nein, diese Diktion, an der ich mich buchstäblich berauschen kann, ähnlich wie an den in sommerlichen Heurigenlokalen ausgeschenkten Kreszenzen, die im Roman auch immer wieder lobende Erwähnung finden, ist in mein Leben eingedrungen und begleitet mich seither, wann immer ich durch Wiens Strassen und Gassen gehe, verdichtet sich mit jeder erneuten Lektüre.

Natürlich tragen zu meiner Freude auch die labyrinthisch-meisterhafte Konstruktion des Plots, die weit ausschwingenden Handlungsstränge und die altösterreichisch gefärbten Landschaften bei, das Raxgebiet, in dem Doderers Familie die Sommerfrische (schon wieder so ein Lust-Wort!) verbrachte, die Donau-Auen („der grau-grüne tiefe Schaum der Auwälder, die gewundenen Wasser-Arme mit ihrem so vielfältig verschiedenen Grün, leuchtend und gelblich in Gewächsen, welche die regungslose Oberfläche bedeckten, verhaltener in den Lanzenwäldern des Schilfs, vollends beruhigt unter den tiefhängenden weit übers Ufer greifenden Ästen"), der Prater (vor allem im Roman No. 7 geografisch wie olfaktorisch präsent), das Café Zartl im 3. Bezirk, auch das ein Fixpunkt des „Romans No.7", den es heute noch mehr oder weniger unverändert gibt; die sogenannten „Miserowskyschen Zwillinge" (ein Gründerzeit-Doppelhaus in der Porzellangasse mit einem „gewundenen Stiegen-Aufgang voll sinnloser Quasten, Schnüre, Spiegel"); der Duft des „Eau de Lavende", auch heute noch nach Originalrezeptur in einer Parfumerie am Graben erhältlich; die zahlreichen Beschreibungen des Wienerwaldes; das vom Autor immer wieder so und ähnlich beschworene sommerliche „Unter-wasserlicht" eines durch Fensterläden abgedunkelten Zimmers, bis hin zu der fast körperlich fühlbaren Substanz des Zeitlichen schlechthin, folge ich in Gedanken dem Leutnant Melzer, wie er die Stiegen hinaufsteigt, „durch die Schichten gleichsam emportauchend, als stiege er vom Grunde, nicht also wie hinabtauchend in die Tiefe der Zeit".

Dabei fehlt es den Romanen, speziell der „Strudlhofstiege", durchaus nicht an abrupten Umschlägen ins Prosaische („...würde jemand sagen, diese spinatgrüne Erhabenheit mugel-auf und mugel-ab sei ihm schon ein Brechmittel: man hielte ihn für einen bösen Menschen"), an nachgeradezu klatschsüchtig anmutenden Passagen, Spitzzüngigkeiten bis hin zur Ausbuchtung ins Groteske und kleinen Anflügen von Perversion (ich sage nur: „Dicke Damen!"), bisweilen begeht der Autor in für ihn typische Weise gepflegte grammatikalische Regelverstöße und scheut nicht schrägste Vergleiche (ich sage nur: „der Körper als reglose astrische Golatschen"!), aber dazwischen streut er immer wieder mit vollen Händen seinen Wortzauber - „Der Abend begann oben sein rötliches Licht zu filtern und trat in einer breiten glühenden Pforte zwischen die Äste" - oder er lenkt den inneren Blick der Leserin hinauf zum Himmel über der Stadt, in „die schräge Abendsonne von dort oben, das Gold, in welches das Grün sich auflösen wollte wie verdampfend, und das erkühlende Blau einer tief sich auswölbenden Himmels-Schale" ... Spätestens dies lesend, habe ich, im Wohlgefühl angesichts der mich bezaubernden Sprachgestaltung badend - puff! - mich vor Begeisterung einfach aufgelöst.

 

Image of Die Strudlhofstiege: oder Melzer und die Tiefe der Jahre Roman
Heimito von Doderer,
Die Strudlhofstiege: oder Melzer und die Tiefe der Jahre Roman.
912 Seiten, ISBN 3423012544
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